Ein Briefwechsel zum Thema: "das Werk und seine Entstehung"!
Der Beginn:
Hier schicke ich Euch ein paar Bilder von Euren Werkstücken die nun ganz in Ruhe in der Werkstatt trocknen. Es ist sehr interessant, einmal aus der Entfernung als Foto das eigene Objekt zu betrachten. Ich tue dies oft, wenn ich bei einer Auftragsarbeit unter Zeitdruck stehe. Dann fotografiere ich alle möglichen und unmöglichen Seiten eines Objektes und schaue sie mir am Bildschirm an. Ausgedruck dienen mir die Fotos dann als „Korrekturfahnen“ ich markiere alle Stellen und arbeite dann sukzessive nach. Man muss halt „dran bleiben“ intensiv arbeiten und sich Zeit lassen beim „Sehen“ dann kommt man der Perfektion immer näher! Herzliche Grüße und einen schönen „Restsonntag“ wünscht Jutta
Liebe Jutta,
herzlichen Dank für die Bilder. Das war ein selten schönes Wochenende bei Euch. Ein ganz dickes DANKE!
Aus der Sicht des "Köppemachens" war der Samstag ein tiefgreifendes Erlebnis. Ich muss dauernd daran denken, wie Augen, Ohren, Mund, Nase in der einen Stimmung aussehen und in der nächsten, wie sich Backenmuskulatur verändert und die Falten im Gesicht. Das schlimmste ist, dass ich vor diesen Dingen davor stehe, als hätte ich noch nie etwas davon gehört und kann nichts richtig zuordnen. Du kennst das Ding mit dem Ochs und dem Scheunentor. Ich muss Ordnung in dieses emotionale Tohuwabohu bringen und modellieren. Ich lass' dann wieder von mir hören. Bis dahin nochmal danke und Grüße an Manfred.
Mail 2.
Ich finde es gut, dass Du weiter dranbleibst und Dich noch verbessern willst. Ich schicke Dir einmal Beispielbilder, die Dir dienlich sind. Hier siehst Du die Wandlung eines Gesichts sehr anschaulich. Folgendes ist passiert, ich wollte für die Gemeinde Bickenbach eine Darstellung ihres Schutzpatrons in Verbindung mit dem darauf basierenden Wappen visualisieren. Jetzt habe ich bei der Portraitarbeit und dazu gehörenden Recherche gemerkt, dass der Portraitierte unmöglich ein Märtyrer sein kann. Auf meine Nachfrage ergab sich, dass der zuerst portraitierte zwar eine wichtige Rolle in der Gemeinde spielte, tatsächlich aber nicht der Schutzpatron war und auch gar nicht gesteinigt wurde! Darauf änderte ich mein Portrait. Leider gibt es aber kein einheitliches Bild des "Prototyp-Märtyrers" nur diverse unterschiedliche Darstellungen. So muss ich also auf einige wenige definitive Punkte zurückgreifen um diesen Mann bildlich darzustellen. Wenn mir das gelungen ist, wirst Du ihn erkennen auch wenn Du die wesentlichen äußeren Merkmale nicht kennst. Wichtig ist der erstere war ein gestandener Mann, der asketisch war, unheimlich viel Klöster gegründet hat und eine wichtige Persönlichkeit in der Kirche darstellte. Der zweite war einer der für seinen Glauben starb und das sehr jung! Also, alles klar!? Wie kommt man nun dazu diese Punkte zielsicher auszuarbeiten? Wichtig ist, die Physionomie muss ohne großes Nachdenken abrufbar sein! Wie sieht eine Nase, ein Ohr, ein Auge, die Lippen aus! Mir fiel ein, dass ich bereits als Kind aus den Geschichtsbüchern meiner Eltern diverse Fotos von Römern modellierend portraitierte. Ich glaube das ist eine gute Übung auch für Dich. Du musst ein für Dich überprüfbares Resultat deiner Modellierung finden. Also, such Dir doch am besten Fotos alter und junger Männer oder Frauen die Du modellieren kannst. Du kannst mir gerne Deine Arbeiten per Foto digital schicken und ich kann Dir Tipps geben wo Du noch dran arbeiten musst! Die Arbeiten müssen nicht allzu groß sein, denn es geht ja nur um wesentliche Punkte die man erkennen und ausarbeiten muss. Ich wünsche Dir viel Spaß - beste Grüße auch an Deine Frau! Jutta
Liebe Jutta,
ganz herzlichen Dank für die Anleitung. So wie Du es beschrieben hast, muss ich vorgehen. Ich weiß zwar wie die Standardnase, der Standardmund, etc... aussehen müssen und kann die wie aus dem Lehrbuch modellieren, aber das ist völlig leblos. Da kommt nur Mist raus. Ich muß richtige "Typen" finden und so lange so viele modellieren, bis ich weiß worauf es ankommt und auf die typischen Elemente nach Bedarf zugreifen kann. Da haben die Götter jetzt den Schweß vor den Erfolg gesetzt. Aber die Taoisten sagen, zumindest in der deutschen Übersetzung, der Weg sei das Ziel. Tatsächlich ist damit wahrscheinlich gemeint, dass das elementare des Lebens nicht in schönen Zielvorstellungen besteht sondern darin, dass alles "werden" nur aus der Dynamik des Augenblicks kommen kann. Das ist ungeheuer spannend, die neue Phase meiner Arbeit anzugehen. Spannender kann es eigentlich garnicht sein.
Ich komme bald mit Fotos.
Gruß an Manfred
Mail 3.
das ist eine hervorragende Idee „Typen“ zu finden und zu modellieren!
Aber um die sogenannte „Standardnase etc.“ korrekt darzustellen, gehört schon der Wunsch zur Perfektion! Der ist bei Dir, ich will dich ja nicht demotivieren, aber ich muss Dir sagen: noch nicht sonderlich ausgeprägt. Du hast bei der Arbeit zu oft – fertig – gesagt. Vielleicht hast Du Angst Dich zu verhauen – aber ohne Übung geht es nun mal nicht und Du musst schon Willen aufbringen und durchhalten. Auch wenn Risiko dabei ist, denk daran: alles ist machbar und wer es beherrscht, kann auch alles wieder in den Zustand versetzten der vorher war! Zufall gibt es nicht, es ist Können angesagt, wenn man etwas erreichen will. Von alleine geht leider gar nichts, nicht mal wenn man talentiert ist!
Auch wenn es erst einmal keine spektakulären Erfolge sind die man mit solchen Übungen erzielt – ohne diese Vorleistung ist es nicht möglich „Abweichungen“ darzustellen! Also mit anderen Worten: Fleiß und Kontrolle ist erst mal bei den „langweiligen Standardartikeln“ angesagt! Damit man sich selbst kontrollieren kann, ist es gut, nach einer Vorlage oder einem Portrait zu arbeiten! Das macht die Sache überprüfbar, die wirkliche extreme Mimik oder den tiefen emotionalen Ausdruck (gleich in welche Richtung Wut Hass Liebe Sehnsucht ….) kann man danach in Angriff nehmen. So meinte ich das eigentlich!
Wenn Du meinst, genug Übung in die „Standardartikel“ gesteckt zu haben und Dich an Schwierigerem versuchen willst, können wir ja gerne den Modellierkurs Teil II ansetzen! Falls Du Probleme hast, Deine Perfektion zu erreichen, weil Du Angst hast etwas kaputtzumachen, können wir auch gerne mal extra für diese Geschichte einen Kurs ansetzen. Da modellieren wir dann dauern etwas um und Du lernst dich von Dingen zu trennen – nur so geht es vorwärts. Denk mal an die Sandbilder der tibetischen Mönche – da ist das ähnlich! Und das allerwichtigste – lass Dir Zeit zu sehen!!!
Du musst nicht in einem Tag fertig werden, dass geht am Anfang gar nicht! Schau Dir Deine Arbeiten ruhig mal am PC oder 2 Tage später noch mal an! Schick mir gerne Fotos von Arbeitsphasen, ich helfe dir dann die kritisch auseinander zu nehmen und zeige Dir Wege auf wie Du optimieren kannst!
In diesem Sinne, frohes Schaffen
und herzliche Grüße
Jutta
Liebe Jutta,
einen besonders schönen guten Morgen oder, je nach dem wann du das liest, schönen Abend.
Also die Rüge wegen der Perfektion ist angekommen. Ich verspreche Besserung - allerdings nur ein bisschen. Perfektion ist etwas ungeheuerliches, apriori unmöglich, schrecklich, etc... - aber das meinst Du wahrscheinlich nicht. Du meinst wahrscheinlich, dass man seine Kunst nicht einfach so aufhören darf und fertig sagt ohne wirklich kontrolliert fertig zu sein. Der Respekt vor der Scultura gebietet es, sie bewusst und kontrolliert und so gut wie man es irgend kann abzuschließen. Wenn Du das so meinst, gebe ich Dir recht. Und das ist auch der Gegenstand meiner versprochenen Besserung.
Werkzeug ist für mich etwas besonderes. Es ist wahnsinnig schwer, seine 2 oder 3 Lieblingswerkzeuge zu finden. Ich habe in den Läden schon viele Werkzeuge in der Hand gehabt und viele gekauft. Ich habe auch 2 selbst gemacht nach dem Rat einer Lehrerin. Schließlich bin ich dahinter gekommen, dass Holzwerkzeuge aus Buchsbaum sein müssen, weil da der Ton nicht so dran klebt. Also habe ich Buchsbaumwerkzeuge gekauft. Aber das Richtige ist immer noch nicht dabei. Deshalb habe ich, wie Du gesehen hast, mit den Händen gearbeitet.
Jetzt habe ich bei Dir gelernt, mit Werkzeug zu arbeiten. Da hat mir Dein Werkzeug gut gefallen und ich fand die 2 Antragspachteln, die ich mehr zufällig zum Ausprobieren gekauft hatte, sehr angenehm. Und ich glaube, jetzt habe ich es. Dein Lieblingswerkzeug muss es sein und 2 etwas breitere Antragspchteln. Keiner der Kataloge hat genau die, die ich haben will (natürlich - wie immer) und auch Bildhau will sie nicht besorgen. Da habe ich an einen der berühmten Milani Brüder in Pietrasanta gemailt. Der schickt sie mir - echt handgeschmiedet und echt aus dem berühmeten Bildhauerort Pietrasanta. Das ist kein Werkzeug - das sind Zauberstäbe!!! Na also dann ran an die Arbeit. Tschüsss.
Mail 4
einen wunderschönen guten Abend!
Es ist auch nett mit Dir per E-Mail zu kommunizieren! Man sieht auf jeden Fall wie wichtig eine genaue Definition der Dinge ist.
Du hast recht mit Deiner Vermutung, Perfektion steht bei mir für Vollkommenheit und ist in keinster Weise negativ besetzt. Ein Blatt, ein Stein, ein Tier, ein Mensch …. alles ist Natur und die ist vollkommen. Vollkommen harmonisch! Der Harmonie und dem emotionalen Ausdruck mit aller Kraft und ganzem Einsatz volles Leben geben … das ist die Perfektion die ich anstrebe! Alles was ich tue, tue ich mit ganzer Kraft. Natürlich wird es nie wirklich perfekt für mich, aber ich verbessere mich kontinuierlich. Ich käme nie auf den Gedanken zu sagen – oh so gut wie xy grosser Künstler werde ich nie sein – dann würde ich es gleich lassen. Auch wenn ich 100 Jahre alt bin, glaube ich nicht, dass es nicht noch eine erstrebenswerte Steigerung der Ausdruckskraft geben kann. Vielleicht dann in einer anderen Art der Erhöhung, möglicherweise in mehr Abstraktion, wer weiß. Das ist nicht wichtig, wichtig ist zu sehen und zu wollen! Zufriedenheit mit meiner Arbeit stellt sich ein, nach dem ich sie abgeschlossen habe, weil ich keinen Fehler mehr sehen konnte! Die sehe ich dann meist erst später, aber dann sind sie auch mit ihren Fehlern schön. Akzeptabel auf jeden Fall, weil viele andere Menschen Freude empfinden. Jede andere Arbeitsweise wäre für mich halbherzig, gefudelt wie man sagt – natürlich sehen „die Anderen“ Unzulänglichkeiten meist gar nicht, aber die Qualität meiner Arbeit spricht die Menschen an. Diese Qualität ergibt sich natürlich aus meinem Respekt vor dem Werk – ganz besonders wenn Personen dargestellt werden. Man versetzt sich hinein – deshalb habe ich Dir die Bilder der Heiligen geschickt – und je geschickter man wird, desto klarer wird die Botschaft! Manchmal sehe auch nur ich die Botschaft und ein anderer kann es noch gar nicht erkennen – dann weiß ich: es langt noch nicht und suche nach dem richtigen Weg der Verbesserung. Gut, kommt jetzt nicht oft vor … aber Kritiker sind wichtig! Brauchbare Kritiker sind zum Beispiel auch meine Kinder – die SEHEN meist noch ziemlich direkt in den Kern!
Zu dem Werkzeug: ich liebe eigentlich alles was aus Italien kommt! Ich würde sofort dort hinziehen, wenn ich könnte! Natürlich ist das eine tolle Sache, Zauberwerkzeug aus Italien zu bekommen! Ich bin gespannt darauf! Würde allerdings noch lieber dort hinfahren – zum Anfassen und Einkaufen J!
Wünsche Dir von Herzen viel Spaß, viel Erfolg und Kraft!
Schöne Grüße auch an Deine Frau!
Jutta
Also..........
Jetzt zeige ich Dir den Unterschied:
Die vor-juttaschen Sculturas sind leblos. Die sind zwar dilettantisch, aber haben Spaß gemacht und besser kann ich es halt noch nicht.
Aber die Endziffer 318 (ist zwar auch besch....) aber sie LEBT !!!!!
Ich weiß, die ist nicht fertig. Aber da ist so viel falsch dran, dass ich sie ganz auseinander pflücken müsste und es zum Schluss doch nicht besser machen würden. Nein für den jetzigen Stand bin ich es zufrieden. Das ist ein kleiner Schritt weiter.
Und jetzt kommt halt der nächste Schritt. Ich bin eben noch in einem Stadium, das weit entfernt ist von "gut". Jetzt ist ganz einfach Sturheit gefragt, um weiter zu machen und nicht vor Verzweiflung alles hin zu schmeißen. Deashalb freue ich mich über den kleinen Schritt. Danke.
Gruß
Mail 5.
das ist GUT!
Freundlich, lustig, Schalk im Nacken: lebt wirklich!
Du musst sie nicht ganz auseinanderpflücken, um weiterzukommen kannst Du ruhig noch mal ins Detail!
Wichtige Fragen: Wie ist der Eindruck der Gesamtplastik – wesentliche Merkmale Frau / Mann verstärkbar? Anatomie Hals? Kontrolle Stirn / Kopfverhältnis! Oberflächenbearbeitung – glätten, ausgleichen, zart und langsam arbeiten! Achtung: Einzelhaarstrang auf der Stirn kontrollieren – wo ist der angewachsen, passt er zur Restfrisur?
Für die echte Kontrolle bräuchte ich 4 Bilder – von allen Seiten!
Schlecht finde ich die anderen Arbeiten auch nicht! Du hast jedenfalls eine echte, eigene Handschrift! Der Stein in ein Symbol – ein Abbild – das ist doch völlig in Ordnung! Hat viel Mystisches! Hier ist ja ein ganz anderer Anspruch dahinter!
Die 314 ist auch recht hübsch und freundlich hat nur viele Mängel. Anatomie ist Anatomie und ein Hinterkopf braucht Volumen! Haaransatz muss auch beachtet werden!
Denk daran, es ist gut für die handwerkliche Fähigkeit, ein überprüfbares Werkstück zu machen! So ist Selbstkontrolle eher möglich!
Und nicht vergessen, es geht um das gesamte Kunstwerk! Daher überlegen worin oder wie der Hals enden soll!
Beispiel Büste!
LG Jutta
Liebe Jutta,
Danke für deine geduldige Beurteilung meiner Sculturas. Ich muß noch einmal auf Deinen Willen zur Perfektion zurückkommen, den ich jetzt besser verstehe. Ich will deshalb versuchen Deine Sprache zu sprechen, um meine Gedanken zu transportieren. Aus Deiner Sicht der "Könnenden" Künstlers gebe ich Dir recht, dass man nicht nachgeben darf bevor man nicht seine eigenen, hohen Ansprüche umgesetzt hat. Der Unterschied ist, ich "kann" es nicht und möchte es aber gerne können. Wenn ich mich in diesem Stadium mit Details aufhalte (die ich wirklich nicht unterschätze und auch liebe) dann komme ich nie weiter. Ich bin noch ganz ganz weit entfernt von Deinem Können.
Wenn Du modellierst, gehst Du von vorne herein in die richtige Richtung und je weiter Du gehst, je näher Du zum Ziel kommst, brauchst Du nur noch Feinjustierung. Wenn ich modelliere stimmt die Richtung nur grob. Während ich modelliere erkenne ich, dass die Richtung nicht genau stimmt und sehe die Fehler. Je weiter ich komme, um so deutlicher wird, dass die Richtung noch nicht genau getroffen wurde. Aber die Fehler prägen sich ein. Nur das erleben der Fehler, das bewusste erkennen dessen, was ich falsch gemacht habe, ist Schmerz und Motor, ist die Herausforderung. Wenn ich das gesehen und erkannt habe ist die Spannung für dieses Werk weg. Ab da könnte ich mich ja ohnehin nur noch im Kleinkram verzetteln.
Meine 318 ist ein Durchbruch mit Deiner Hilfe. Sie lebt. Ich habe für meine Verhältnisse etwas großes erreicht obwohl ich Dir nur Ihre Zuckerseite gezeigt habe. Der Hinterkopf ist platt, der Schädel eiförmig, der Gesichtsausdruck einfältig, etc..., etc... Aber das macht nichts. Ich muss an die nächste Scultura und die muss im Ansatz besser werden. Der Weg soll jetzt schon besser in die richige Richtung führen.
Ein schlechte Scultura mache ich nicht durch Details besser. Ich muss es so gut lernen, dass es sich rentiert an Details zu gehen. Aber natürlich kann diese Ansicht auch falsch sein. Deshalb ist es ja so inrteressant, mit Dir zu diskutieren und Deine Meinung zu hören.
Heute Abend fotofrafiere ich eine Zweite. Trotzdem ist sie wieder eine Erste, da es ein völlig anderer Gesichtsausdruck ist.
Gruß
Mail 6.
Nun zu Deinen Werken!
1. Natürlich kommt es darauf an, welchen Ansatz man hat. Was man darstellen will, was das Wichtigste ist, was transportiert werden muss.
Trotzdem muss ein Werk auch in seiner Gesamtheit und nicht nur ausschnittweise angenommen werden. Zeit und Sehen ist wichtig. Verzweiflung ist nicht schlimm, das ist das, was jeder kennt, bevor er den Durchbruch hat (auch wenn der nur eine Zwischenstation auf dem Weg ist) – egal was Du tust – tue es richtig, vollständig und mit Geduld! Du kannst es lernen, auch wenn es etwas dauert – ich habe es mir alleine beigebracht und habe mir oft gewünscht, wie früher zu einem großen Meister in die Lehre gehen zu können. Aber das ging nicht, ich habe keinen gefunden! Na ja, ich gebe zu, ich habe mir auch nicht die Zeit genommen intensiv zu suchen. Ich habe lieber intensiv gearbeitet J!
2. Ich gehe in die richtige Richtung, weil ich einen definierten Auftrag habe, mir vorher entsprechend Gedanken mache und die Gesamtheit dieses Auftrages (von Anderen beauftragt und von mir entwickelt, zu einer bestimmten Sache oder Person – oder aber weil ich einen bestimmten emotionalen Zustand darstellen will, oder eine sogenannte Idee zu einem ganz bestimmten Projekt wie z.B. Klimawandel habe ….) umsetzen will und muss! Die Feinjustierung ist nur die Ausarbeitung des vorher überlegten und angelegten Objektes! Es ist die Ausarbeitung der Sache!
3. Das Erleben der Fehler ist gut, wenn sie nachher korrigierbar sind – durch den Schmerz der Unfähigkeit muss man sich durchbeißen. Das fällt niemandem in den Schoß! Aber man lernt aus den erfolgreich abgeschlossenen Aktionen, aus dem Durchbeißen und Durchhalten, aus der Konzentration und der unablässigen Arbeit mit Zähigkeit ans Ziel zu gelangen!
4. Das Verzetteln im Kleinkram kommt nicht, nachdem die Fehler erkannt sind und die Spannung für das Werk weg ist, das Verzetteln kommt weil die Zieldefinition am Anfang nicht klar genug war! Deshalb sollte man sich klare überprüfbare Ziele setzen. Übungen! Studien! Modelliere ruhig Teile, Ausschnitte vom Ganzen, Dinge und Ausdrücke die Dir wichtig sind. Aber versuche nur das zu modellieren und lass das belastende „Drum-Rum“ bei solchen Übungszwecken weg, wenn Du das möchtest. Dann ist der Ausschnitt die Gesamtheit, die auch gefasst werden und modelliert werden will und Du übst Dich in der handwerklichen Fähigkeit. Auch in Ordnung. Das kann man auch zeichnerisch. Selten, aber manchmal wenn es zu viel wurde in meinem Kopf habe ich mal Ideen skizziert. Allerdings bin ich anders, für mich ist dann der Zug eigentlich erst mal weg! Ich will direkt am Projekt arbeiten, oder zumindest eine Skizze, ein Bozetto modellieren das bereits Ausdruck und Thema zeigt – das dem Auftrag schon ein Gesicht gibt!
5. Deine 318 ist nicht einfältig, mir gefällt dieser Gesichtsausdruck. Er ist liebenswert und humorvoll, finde ich jedenfalls! In jede Plastik gibst Du einen Teil von Dir. Deshalb muss man lernen, die Gesamtheit im Kopf zu behalten! Aber natürlich muss man vorher erst einmal Klarheit über das Darzustellende gewinnen!
Abschließend also: lass Dir Zeit! Du bist nicht auf der Flucht!
Ich muss jetzt auch noch mal an die Gesamtheit eines Auftrages denken! Ich fertige ein Portrait eines geliebten Verstorbenen. Das ist eine riesige Verantwortung! Schon auf der Rückfahrt im Auto überlege ich die Möglichkeiten und visualisiere sie. Wenn ich sie klar genug sehe, fertige ich eine Skizze. Ich habe nicht vor zu probieren – ich will es tun! Es wird und es muss gelingen – weil ich das so will. Weil der Verstorbene das verdient hat, weil mein Auftraggeber das von mir erwartet und weil ich dafür einen Lohn erhalte! Also, nun denn … das ist spannend. Eine neue Herausforderung und die wird jetzt gemeistert und wenn es anfangs noch so schwierig, geradezu unmöglich erscheint … das bestimmt jetzt mein Denken – bis es getan ist und Gestalt angenommen hat! Dann wird es auch vom Auftraggeber kontrolliert und wenn nötig arbeiten wir zusammen noch an Details.
In diesem Sinne …
Herzliche Grüße
Jutta
Liebe Jutta,
Nun zum Problem oder besser zur Aufgabe, die zu lösen ist:
Hier stehen zwei Meinungen gegenüber:
Deine: Du sagst, wenn man an ein Kunstwerk angeht dann richtig und dann bis zu Ende.
Meine: Wenn ich eine wichtige Verbesserung erreiche, dann ist ein großes Etappenziel erreicht. Dann muss ich nicht mehr mit Kleinkram rumfummeln. Dieses Werk ist dann Beleg für ein Stadium in einer Etappe. Dann gehe ich lieber an ein neues Werk, um das mit den neuen Erkenntnissen von vorne herein schon besser zu machen. Punkt.
Dazu gibt es 2 Blickwinkel: Erstens ist es müßig von Dir etwas lernen zu wollen, wenn ich am Ende doch nur Recht haben will. Das wäre ziemlich doof von mir. Also....
Zweitens fängt die Geschichte jetzt erst richtig an, spannend zu werden. Meine Lebenserfahrung hat es mir mühsam beigebracht, dass es immer dann spannend wird, wenn man zwei gegensätzliche Positionen vor sich hat. Oft merkt man es nämlich garnicht sondern ärgert sich nur, dass einer einem quer kommt, wo man doch gerade so mit Überzeugung recht hat. Dass man die Augen geöffnet bekommt und merkt, dass man es mit einem Gegensatzproblem zu tun hat, ist immer eine Gnade des Schicksals (und eine Gnade der Übung), denn nur aus dieser Klemme erwächst Erkenntnis. Und Kunst, dieser Sprung sei hier erlaubt, die sich als echte Kunst von der Dekoration unterscheiden will, hat bedingungslos immer eine Erkenntnis zum Inhalt.
Da fällt mir die Geschichte des "tertium non datur" ein ("ein Drittes gibt es nicht"). Ein Schritt vorwärts, eine Erkenntnis ist immer die Folge einer Konfrontation mit einer Gegensatzproblematik. Zuerst gibt es keine Lösung. Neben den beiden gegensätzlichen Positionen ist keine Dritte denkbar. Das ist das tertium non datur, der totale Konflikt. Wenn man sich aber auf die Gegensätzlichkeit einlässt, tut's für eine Weile weh und wenn man Glück hat erscheint das vorher Undenkbare dann doch als Drittes und faszinierende Lösung. Leider immer erst dann.
Manchmal stehe ich ja auf der Leitung - aber jetzt hat's geschnaggelt. Wir stehen hier vor genau einem solchen Gegensatzproblem, denn unsere beiden Argumente gehen ganz schön in die Tiefe, so dass man darüber lange diskutieren könnte. Wir sparen uns die Diskussion und fangen gleich da an, wo es spannend wird.
Ich beginne jetzt ein Projekt (keinen Übungskopf zum hinterher in die Ecke stellen). Du hast im letzten Mail den Männerkopf, nennen wir ihn Jesus, in dem schönen Carrara Marmor gesehen. Ich habe genau das gleiche Stück Marmor noch einmal. Mein Projekt: Da soll ein Frauenkopf rein, eine Maria. Nicht unbedingt die original katholische Maria aber eine Maria. Lieferzeit 3 Monate, d.h. Ende September.
Wer ist sie? Wenn ich darüber nachgedacht habe, melde ich mich wieder.
In der Zwischenzeit hier noch ein paar Bilder von meinen Sculturas.
Viele Grüße
Mail 7.
leider kann ich nicht so sehr über meine Zeit verfügen wie ich gerne möchte. Deshalb hänge ich hinterher!
Trotzdem schnell:
Finde ich sehr interessant, das tertium non datur. Wobei ich denke, das sich aus Spannungen immer neue Entwürfe – durchaus auch Lebensentwürfe – ergeben können! Nicht nur dritte, sondern auch mehr. Beschränkungen sind nie wünschenswert!
Aus unseren derzeitigen gegensätzlichen Positionen sehe ich direkt eine neue Möglichkeit für ein Projekt erwachsen. Ähnlich wie die Sache mit den Fragmenten, die letzten Endes auch ein Ganzes ergeben, wenn man die Lehrfläche die bewusst gestaltet ist mit bedenkt und auch die Hinführung – bzw. die geformte Phantasie des Betrachters - mit einbezieht. Aber da sprechen wir vielleicht ein anderes Mal drüber!
Zu Deinem männlichen, sehr ausdrucksvollen Stück passt natürlich ein weibliches Gegenstück! Das ist eine sehr gute Sache!
Ich gebe nur meine Erfahrung wieder, in dem ich sage, es ist ausgesprochen schwierig eine religiöse Person von solcher Tragweite darzustellen. Das liegt wahrscheinlich in der über 2000 Jahre gewachsenen Erwartungshaltung. Das bringt jede Menge Probleme in der Darstellbarkeit und auch der persönlichen Erwartungshaltung.
Ich finde Dein Mann hat eine sehr schöne, archaische Ausstrahlung! Auch eine ADAM – EVA Symbolik ist hier denkbar. Schlicht Mann – Frau reicht mir eigentlich auch schon – wenn die Ausdruckskraft so stark ist, das sich jeder Betrachter (die bei ihm in diesem Maße sicher vorhanden ist) seine eigene Symbolik dazu denken kann!
Herzliche Grüße und viel Erfolg!
Jutta
Liebe Jutta,
gestern hatte ich erkannt, dass unsere unterschiedliche Meinung ein tieferes Gegensatzproblem aufzeigt. Da ich gelernt habe, wie ich mit so etwas grundsätzlich umzugehen habe, habe ich mich einfach blindlings auf Deine Position eingelassen, obwohl es mir völlig widerstrebt hat. Ich bin sehr tief ergriffen, wie diese Entscheidung bereits schon jetzt eine Veränderung bewirkt hat. Mir wurde klar, wie unproduktiv und unsinnig es ist, Köppe zum lernen zu produzieren und sie anschließend halbfertig in die Ecke zu werfen. Ich bin froh, dass mir durch unsere Diskussion jetzt die Augen aufgegangen sind. Ich muss endlich an mein Projekt gehen. Den Stein habe ich schon lange. Im Schatten des Wunsches, zuerst mehr handwerkliches Können zu lernen, habe ich das eigentliche Projekt aus den Augen verloren. Ich muss es jetzt machen.
Ich habe allerdings keine Ahnung, wie ich die Maria, so wie ich sie auffasse, tatsächlich umsetzen soll. Noch fühle ich mich in jeder Hinsicht völlig überfordert. Ich weiss noch nicht wie, aber in 3 Monaten bin ich fertig. Der Tonklumpen ist schon am Werkplatz.
Danke und viele Grüße
Mail 8.
wie schön! Ich bin hoch erfreut, doch so schnell durchgedrungen zu sein, mit meinen Anregungen! Wirkliche Befriedigung und wirkliches Können wirst Du mit dieser Einstellung auf jeden Fall erreichen. Potential hast Du jedenfalls überreich!
Schon allein an der Korrespondenz kann man es erkennen!
Ich habe Manfred gebeten mein vorletztes Mail mal zu lesen, um zu erfahren ob ich mich verständlich genug ausgedrückt habe! Er ist sicher kein Ignorant – aber nach dem ersten Absatz hat er schon aufgesteckt und mir erklärt, dass er diese Welt nicht versteht. Wie gut, dass wir nicht alle gleich sind - so ergänzen wir uns!
Noch ein kleiner Hinweis – ich kann es halt nicht lassen – bitte vermeide es Dich unter Druck zu setzen. Dein Werk hat alle Zeit der Welt. Denk mal, Rodin hat z.T. Jahre an einem Projekt gearbeitet …. sicher nicht ohne Grund! Es will und wird wachsen, es kann gar nichts passieren. Es läuft nicht weg und Deine Gedanken dazu werden nur klarer. Keine Angst – Du verlierst sie nicht. Wenn doch, waren sie eben nicht gut genug und der nächste Durchlauf wird noch besser … also keine Eile!
Herzliche Grüße
Jutta
Wauw...
jetzt geht aber die Post ab. Gestern habe ich im Büro nicht viel getan. Mir ging nur die Skulptur im Kopf herum. Bis Mittag wusste ich schon mehr von ihr als jemals zuvor und alles so kristallklar, wie ich es vorher niemals hätte in Worte fassen können. Am Nachmittag tauchte das Gesicht wie aus einem Nebel auf und kurz danach habe ich sie gesehen. Ich kann sie ganz genau beschreiben. Das geht alles so überwältigend schnell, es könnte einem gerade schlecht werden in diesem Wirbel.
Heute morgen ist ein völlig anderer Aspekt aufgetaucht: Die Zeit - der Moment. Ich muss den Moment festhalten. Da sie lebt muss ich mich beeilen. Dieses Wochenende gehen wir auf unser Schiff in Koblenz Metternich. Nächste Woche muss ich mit der Skulptur anfangen.
Geht Dir das auch so? Es scheint ja gerade so als würde die Skulptur die Regie übernehmen. Das ist alles wahnsinnig spannend.
Viele Grüße und ein schönes Wochenende
Mail 9
Hab ich ja gesagt! Die Flut kommt, wenn Du die Grube für den See ausgehoben hast. Wenn die Schleuse geöffnet ist – kannst Du beginnen!
Aber noch einmal – nicht vergessen – es geht nichts verloren! Keine Angst, keine Eile, nichts überstürzen. Schau sie Dir in Deinem Geist an und versuche (ist ja schließlich dreidimensional) alle Seiten zu sehen – nicht nur die Butterseite! Das ist zwar die Antriebsfeder die die Schleuse öffnet, aber alle Seiten sind wichtig um das ganze Kunstwerk darzustellen!
Geht mir das auch so? Tja, weißt Du, ich habe dauernd solche Bilder im Kopf! Ich nehme mir dann eines heraus und denke darauf herum. Lasse es im Geist entstehen und versuche es von allen Seiten zu betrachten. Das ist manchmal sehr schwierig! Dann gehe ich, wenn ich kann, in die Werkstatt und es wird gemacht. Mist ist wenn man mich nicht arbeiten lässt, wenn es fertig gedacht ist – das kann ich dann ein paar Tage, aber irgendwann werde ich ziemlich unleidlich und für alle anderen recht unerträglich …. So ist es halt!
Herzliche Grüße und viel Erfolg!
Es freut mich sehr!
Jutta